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Wandertage
in der Oberpfalz

Nur
für kurze Zeit zeigte sich die Sonne am morgendlichen
Himmel, als Freunde und Mitglieder
des Schwäbischen Albvereins Gemmrigheim
losfuhren, um ein Wandergebiet in der schönen
Oberpfalz zu erkunden. Der Busfahrer erzählte während
der Fahrt viel Interessantes über seine Heimat, aber
das Gehörte zu verstehen, scheiterte gelegentlich an
dessen breitem Dialekt, der für schwäbische Ohren
einigermaßen gewöhnungsbedürftig war. Aber nach der
Pause, gut versorgt mit frischen Brezeln und einem
Fläschchen Wein, hatte man sich schon ein
bisschen in die „Fremdsprache“ eingehört.
In
Hinterbrünst, einem Teilort von Georgenberg
nahe der tschechischen Grenze, wurde die
Wandergruppe in Ute`s
Pension herzlich willkommen geheißen. Nach einer
heißen Suppe, einem kühlen Bier oder einem
Becher Kaffee schnürte man die Wanderstiefel,
schulterte die Rucksäcke und auf ging`s zur ersten
Wanderung rund um Georgenberg. Das frische Grün des
Waldes und der Wiesen, die leuchtend gelben
Rapsfelder, die kleinen Wasserläufe, die sich durch
die Wiesen schlängelten, fernab von Verkehrslärm,
alles trug dazu bei, dass der erste Eindruck bestätigt
wurde – hier lässt es sich herrlich wandern. Ein
Abstecher zum Georgsbrunnen musste noch sein, und als
jeder seine fotogene Position neben und über dem
Brunnen eingenommen hatte, galt es, freundlich zu lächeln
und das Erinnerungsfoto war „im Kasten“.
Ein
köstliches Abendessen erwartete die Schar bei der Rückkehr
und dann wurden unter Akkordeonklängen die
altbekannten Lieder angestimmt. Doch wie so oft am
ersten Tag einer Reise zog man sich früher als sonst
in die gemütlichen Zimmer zurück, um am Morgen
ausgeruht zur geplanten Wanderung starten zu können.
Mit
dem Bus fuhr man über Weiden –
Witt Weiden war fast allen Teilnehmerinnen ein
Begriff, hatten doch ihre Mütter dort die Aussteuer
bestellt – nach Falkenberg, wo die trutzige Burg über
die Stadt
wacht.
Wanderführer
Manfred Janker vom Oberpfälzer Waldverein hatte die
Route vorbereitet, temperamentvoll und mit viel Wissen
um Natur und Umwelt, allen Fragen offen, um keine
Antwort verlegen, führte er die Gruppe an. Der OWV
hat sich, wie auch der Albverein, dem Naturschutz und
der Kulturpflege verschrieben, wobei hier wie dort
viel ehrenamtliche Arbeit geleistet wird. Die Wanderer
lernten unter anderem die Unterschiede beim Bau von
Nistkästen kennen – Blaumeisen haben kleine
Einfluglöcher, Kohlmeisen dagegen größere, Spechte
nisten in hohlen Bäumen, und Tannen haben Kronen,
Fichten jedoch Spitzen,
Zweige der Weißtanne haben eine helle
Unterseite, Fichtenzweige sind beidseitig gleichfarben
– alles klar?
Wie
ursprünglich die
Natur sein kann, wenn der Mensch nicht eingreift,
zeigte sich auf dem Weg entlang der Waldnaab. Knorrige
Bäume, moosbewachsen, riesige Granitfelsen am
Wegesrand, wie von Riesenhand aufgetürmt und im
Fluss, abgeschliffen durch das stetig fließende
Wasser, blühende Sumpfdotterblumen an den Ufern
versetzten die Wanderer in eine andere Welt. Aber die
Bewahrer der Natur sehen sich auch einem großen
Problem gegenüber: Der Biber, einst hier ausgerottet,
wurde wieder heimisch gemacht, dankt es seinen Helfern
allerdings nicht im geringsten – im Gegenteil, er
und seine große Sippe “fällen“
jede Menge Bäume, die sie dann kunstvoll
„verarbeiten“.
Die
Wanderung sollte nun auf der anderen Seite der
Waldnaab wieder zurückführen, die Vorangegangenen
standen jedoch etwas ratlos vor einer kleinen Brücke.
Deutlich stand da nämlich zu lesen, dass das Betreten
verboten sei. Aber „Manfred voran – wir folgen“
– und schon wurde über die Absperrung geklettert,
oder unter ihr durchgekrochen und als dritte Version
gab es noch den Seiteneinstieg. Der Weg zurück war
nunmehr schmal, dicke Baumwurzeln, rutschig durch
vorangegangenen Regen und steile Auf- und Abstiege
verlangten erhöhte Aufmerksamkeit. Man konnte fast
das erleichterte Aufatmen hören, als
der Biergarten „Waldnaabtal-Hütte“ in
Sicht kam.
Die
Getränke standen schon auf den Tischen, das Essen war
bestellt, als ein Gewitterregen die
Besucher ins Haus trieb. Das darauf folgende
Durcheinander brachte die Bedienung etwas in Rage,
dennoch hatte bald jeder den richtigen Teller vor sich
stehen.
Das
Gewitter zog vorbei und bei leichtem Regen, der auch
bald aufhörte, wurde zurück nach Falkenberg
gewandert. Unterwegs konnte man immer wieder über
geologische Besonderheiten staunen, auf die Manfred
Janker aufmerksam machte. Der Bus brachte die etwas müde
Gesellschaft wieder nach Hinterbrünst, wo alle nach
dem reichhaltigen Essen gerüstet waren für einen
weiteren Abend mit Musik und Gesang. Etwas erstaunt
zeigten sich die Gastgeber über den Weinkonsum, war
man doch hier eigentlich im „Bierland“.
Wenn
das Alphorn des Gemmrigheimer Vorsitzenden ertönte,
wusste man, es ist Zeit zum Aufbruch, aber
gelegentlich erklang es zu anderen Zeiten, zur Freude
auch der Wirtsleute, die dieses Instrument eigentlich
nicht hier erwartet hatten.
Gutes
Wanderwetter erwartete die Albvereinler am Morgen, als
zur angekündigten Grenzwanderung aufgebrochen wurde.
Unterwegs erfuhr man von Wanderführer Janker wieder
viel Wissenswertes. Glashütten, Papier- und
Porzellanmanufakturen, Waffenindustrie verhalfen der
Oberpfalz zu wirtschaftlichem Aufschwung. Viele
Industriebauten stehen indes heutzutage leer oder
wurden nach dem Krieg zerstört.
Beim
Weitergehen konnten die „Schatzsucher“ des Vereins
auch Manfred Janker so von ihrer Idee überzeugen,
dass spontan nach einem guten Versteck gesucht wurde
und gute Ratschläge weitergeben wurden.
So
gelangte man allmählich zur Gehenhammer-Mühle
mit der urgemütlichen kleinen Wirtschaft, wo sich
noch das Mühlenrad dreht und eine sogenannte Hammermühle
eingerichtet wurde. Flinke Hände versorgten die
Durstigen und Hungrigen. Als wieder einmal der Himmel
kein Einsehen hatte und es in Strömen regnen ließ,
wurde es in der warmen Wirtsstube ziemlich eng. Aber
trotz allem konnte man nicht hier festkleben, und so
ging es hinaus in den Regen. Der Weg führte durch den
Wald, manchmal war es nur ein Trampelpfad, der ab und
zu wieder breiter wurde, zu beiden Seiten die
Grenzsteine, deutlich mit D und C gekennzeichnet In
gleichmäßigem Abstand tauchten die weißblauen
bayrischen Grenzpfähle auf. Die Erzählungen von
Manfred Janker über die Verhältnisse nach dem Krieg
stimmten recht nachdenklich. Ganze Dörfer jenseits
der neuen Grenze wurden ausradiert, die Bewohner
mussten innerhalb von 14 Stunden ihre Häuser
verlassen, Strom und Wasser wurden gekappt, so dass
niemand mehr hier wohnen konnte. Dass dies noch Mitte
der 50er-Jahre geschah, ist fast unbegreiflich. Bis
weit in die neue Tschechei hinein war Niemandsland und
noch heute findet man Häuserruinen in den Wäldern,
überwuchert von Gestrüpp und Bäumen.
In
den bayrischen Grenzdörfern sind oft Tafeln
angebracht, welche die Geschehnisse der damaligen Zeit
skizzieren. Durch Waldheim, einem Dorf, dessen überwiegender
Teil in Böhmen lag, führte einst die große
Handelsstraße von Nürnberg nach Prag. Auf ihr
marschierten Hitlers Soldaten, als sie im
„Feindesland“ einfielen. Heute besteht nur noch
ein kleiner deutscher Teil des Ortes, das Schloss, ein
großer Meiereihof und die „böhmischen“ Häuser
sind zerstört, nur noch das ehemalige Zollhaus kündigt
von früheren Zeiten. Unmittelbar hinter dem letzten
Haus an der Heerstraße fängt Tschechien an.
Weiter
ging es durch den urwüchsigen Wald, mal auf deutscher
Seite, mal auf tschechischer. Ein riesiger Biberdamm
wurde besichtigt, seine Bewohner wollten sich jedoch
nicht zeigen. Diese Dämme können recht lästig
werden, versperren sie doch häufig dem Wasser seinen
ursprünglichen Weg. Auch hier ist der OWV gefordert,
um gelegentlich einen Durchbruch zu schaffen – keine
einfache Arbeit. Und noch eine weitere Besonderheit
zeigte Manfred Janker: an einem Ortsrand wurde ein
ausgedienter Bierkeller zu einem Fledermauskeller
umfunktioniert. Die flinken Tierchen verirren sich
durchaus auch mal in offene Fenster, aber „sie
verschwinden auch schnell wieder“ – so der Wanderführer.
Unter
vielem Erzählen gelangte man zurück in Ute`s
Pension, wo ein bayrischer Abend angesagt war. Ein Büffet
mit vielerlei Köstlichkeiten war aufgebaut, eine
Drei-Mann-Kapelle stand bereit, um die Gäste zu
unterhalten und so wurde am letzten Abend in Hinterbrünst
zünftig gefeiert, manche hielten sogar durch bis nach
Mitternacht.
Daher
sah man am nächsten Morgen in etliche übermüdete
Gesichter, als zum letzten Mal eine Halbtageswanderung
unternommen wurde. Noch einmal ging es nach
Tschechien. Mitten im Wald befindet sich eine Gedenkstätte
für eine Hebamme, die vielen Kindern auf die Welt
half, ob deutsch oder tschechisch. Der weitere Weg war
durch Regen und Holzfäller-Arbeiten total
aufgeweicht, aber bald machte eine befestigte kleine
Straße das Wandern leichter. An überwucherten Häuserruinen
kam man auch diesmal wieder vorbei, das einzig „Überlebende“
ist ein Kriegerdenkmal aus dem ersten Weltkrieg.
Schließlich
kam das schon vertraute Haus in Hinterbrünst in
Sicht, ein letztes Mal zeigte die Köchin ihr Können
und so gestärkt, mit vielen herzlichen Dankesworten
an Ute und ihr Team, an Manfred Janker und natürlich
auch an die Organisatoren Erwin und Ute Unger
verabschiedete man sich. Es waren erlebnisreiche Tage
in der schönen Oberpfalz, und vielleicht sind einige
doch nicht zum letzten Mal hier gewesen.